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Ein Modellprojekt an der Willy-Brandt-Gesamtschule in Castrop-Rauxel

 

16. Mai 1997

 

 

Schüler sehen fremden Glauben mit anderen Augen

Gäste einer spannenden Religionsstunde, die von Walter Lange (2.v.L.) gehalten wurde, waren Graf Karl Konrad von der Groeben und seine Ehefrau sowie WBG-Direktor Werner Lohrmann.

WAZ

   

 

 

Bilanz von Gesamtschülern nach einjährigem Projekt

Religion oder Sitte, Christentum und Islam, Kirchenglocken und der Ruf des Muezzin - die Diskusion zwischen den Religionen wird heftiger. Die Willy-Brandt-Gesamtschule macht sie zum Unterrichtsthema.

 

»Gute Nachbarschaft« heißt das Modellprojekt von Religionslehrer Walter Lange in der Klasse 10 a. Ein Jahr lang beschäftigen sich die Jugendlichen mit Christentum und Islam, besuchen In Aachen den Kaiserdom und eine Moschee, informieren sich in einem Kloster über Rituale dere Mönche.
Gestern nun zogen sie eine Bilanz, moderiert von Walter Lange und in Ansesenheit von Graf Karl Konrad von der Groeben, dem Gründer der »Stiftung Weltethos«.

 

Zu Anfang stand das Lob einer Schülerin »In diesem Jahr sind wir offen über Religion aufgeklärt worden. Vorurteile, die automatisch auftreten sind aus dem Weg geräumt worden.«

 

Dass das vielleicht mehr Wunsch als Wirklichkeit ist, wurde allerdings schnell deutlich. Denn wie steht es z.B. mit dem Sex vor der Ehe? Schnell kam die Diskussion in Gang. Der Islam kennt keine Kompromise. Ein islamischer Junge darf ein Mädchen noch nicht einmal berühren, bestenfalls in Gegenwart von Mutter oder Schwester. Küsse sind tabu. »Weil es dabei nicht bleibt. Und nur küssen wäre ja auch langweilig«, verteidigte eine aus Marokko stammende Schülerin diese Vorschrift. Damit stieß sie auf wenig Verständnis. »Und das in einer Religion, die die Liebe über alles stellt«, hieß es.
Ob sich jeder Muslim daran hält, sei eine weitere Frage. Walter Lange zieht eine Parallele zur katholischen Kirche. »Der Papst verbietet Empfängnisverhütung, aber keiner hört mehr auf ihn.«


Ähnlich die Frage des Gebetsrufes. Die Schweriner Moslems warten nur noch ab, wie sich der Konflikt in Duisburg entwickelt, dann wollten auch sie einmal wöchentlich per Lautsprecher zum Gebet rufen, berichtete ein Schüler. Allerdings: Wenn sich dadurch jemand gestört fühle, dann verbietet der Koran sogar den Ruf. Deutlich wurde, dass vieles nicht vorgeschrieben ist, sondern nur Landessitte ist,etwa das Heiratsversprechen junger Mädchen. Fazit: Die Gesamtschüler sind im Gespräch, tragen Konflikte fiedlich aus, eben in »guter Nachbarschaft«.

 

  dazu Artikel 1 vom 10. Mai 1997

  dazu Artikel 2 vom 10. Mai 1997